Über Amphorenweine

Neben dieser sehr traditionsbewussten Vorgehensweise wird die Vergärung in der Amphore dazu genutzt einen Weinstil zu forcieren, der Struktur, Eleganz und Haltbarkeit ohne besondere künstliche Eingriffe anstrebt. Ein hervorragender Amphoren-Rotwein dieser Art ist der Saperavi Selection 2008 vom georgischen Weingut Schuchmann, der nach 20 Tagen offener Maischegärung und drei Monaten Reifung im Edelstahltank unfiltriert auf die Flasche gezogen wurde. Er präsentierte sich mit äußerst dunkelrotem Kern, kirschfruchtig und mineralisch in der Nase, elegant und fein strukturiert bei mittlerem Körper und mit einer erfrischenden Säure, die dem Trinkfluss zuträglich ist.

Dem Verkosterteam (Thomas N. Burg und Johann Werfring) lagen weiters österreichische Weißweine von zwei Winzern vor, welche die Amphore recht unterschiedlich interpretieren und zum Einsatz bringen. Zunächst sei hier der Grüner Veltliner Qvevre 2009 von Bernhard Ott erwähnt. Bei der Entstehung dieses Lagenweins wurden zuerst die gerebelten Beeren gemaischt; hernach erfolgte sechs Monate lang die Vergärung auf der Maische in georgischen Amphoren. Dann wurde der Wein abzogen und unflitriert abgefüllt. Im Glas präsentiert er sich goldgelb mit intensivem Bukett nach reifem Steinobst, knusprigem Brot, Heu und Marzipan. Am Gaumen gibt sich ein cremiger, engmaschiger Wein mit angenehmen Gerbstoffen zu erkennen. Er ist würzig, erdig und mineralisch – reife Zwetschke und ein wenig Restsüße bestimmen den vielschichtigen Gesamteindruck.

Beim Chardonnay 2009 – ein Gemeinschaftsprodukt von Birgit Braunstein (Purbach) und Martin Pasler (Jois) – wurden im Herbst die Beeren mitsamt den Kämmen in verschlossenen italienischen Amphoren vergoren. Im Mai 2010 wurde die Flüssigkeit abgezogen und der verbleibende Rückstand gepresst. Sodann kam der gesamte Rebensaft zur weiteren Reifung ins Eichenfass. Dieser Wein (Anfang September 2010 lag uns eine unfiltrierte Fassprobe vor) zeichnet sich durch eine als typisch empfundene „Amphorencharakteristik“ aus. Im Glas zeigt er sich gold-orange, im Bukett folgt ein intensiver Duft nach Honig, orientalischen Gewürzen, reifen Früchten und Pfirsich. Verspürbar ist ein (durchaus als passend empfundener) Hauch von Oxidation, am Gaumen setzt sich der Wein dann knochentrocken, leicht adstringierend, würzig und gut strukturiert fort. Er ist sehr eigenständig im Gesamteindruck.

Amphorenweine sind Ausdruck einer Hinwendung zu natürlichen Herstellungsverfahren und damit auch Vorreiter eines “anderen” Geschmacksbildes. Die neue alte Vinifikationsmethode ergibt Weine, die weniger die Primärfrucht in den Vordergrund stellen und dafür Struktur, Tiefe und Extrakt betonen.

der Artikel ist ursprünglich in der Herbstbeilage der Wiener Zeitung 2010 erschienen.
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5 Antworten zu “Über Amphorenweine”

  1. Mariëlla 31. Oktober 2010 at 22:36 #12

    Sehr gutes und deutliches Artikel, Thomas, Danke! Aber ich frage mich: wenn dass contact mit dem Erde so wichtig ist, warum hat Domäne Wachau dann eine Amphore im Kellergeschoss stehen? Dann fehlt doch dass contact? Hasst du darauf ein Antwort? (Und Verzeihung für mein Deutsch, aber ich habe trotzdem versucht aufs Deutsch zu schreiben ;-))

    • Thomas N. Burg 31. Oktober 2010 at 22:40 #13

      Hi Mariëlla, soweit mir bekannt ist, gehört das Vergraben – in der Weingartenerde – zur Philosophie des Gärprozess in der Amphore. In Portugal stehen die Amphoren allerdings auch außerhalb. Also da gibt’s Spielraum :-)

    • Thomas N. Burg 31. Oktober 2010 at 22:49 #14

      Übrigens: dein Deutsch ist exzellent!

    • Steffen Hansen 28. November 2010 at 00:40 #15

      Der Unterschied rührt aus den zwei unterschiedlichen Traditionen her. Die eine ist die spanische in Tinachas und die andere die georgische “Methode Kartuli” aus Georgien. Ein georgischer Kvevri würde platzen wenn man ihn außerhalb der Erde füllt, denn die Wandungsstärke beträgt nur 1,5cm. Die ganze Information zu dem Thema finden Sie unter http://www.kvevri.org

  2. Katrin 6. Dezember 2013 at 08:32 #2878

    Ein interessanter Artikel, der mir mal wieder eine neue Weinsorte vorstellt, die sich so noch nicht kosten durfte. Dabei stellt sich heraus, dass es hier nicht auf die industrielle Art der Herstellung ankommt, sondern Back to Basic wieder voll im Trend ist. Zurück zum Ursprung der Köstlichkeit und auf in eine Welt längst vergessener Weine. Diese fundierte Herstellung ist ein Ruf, dem noch viele andere folgen werden.

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